Wertanlage?

Wertanlage?

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Sind Teppiche eine Wertanlage? In den 1970er Jahren hätte man darauf sofort ein deutliches und klares „Ja“ gehört. Wie unter Pflege und Werterhaltung erklärt, gibt es unterschiedliche Werte und Bewertungsebenen. Generell hängen Werte immer von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Die älteren Generationen, die die Weltkriege, Wirtschaftskrise und Inflation noch mitgemacht haben, können ein trauriges Lied davon singen. Die erstaunliche Kontinuität des Wohlstands, die wir in der Nachkriegszeit durch die friedensstiftende Europäische Union erleben, lassen vergessen, dass es auch ganz anders kommen kann. Man denke nur an den Zerfall Jugoslawiens. Neben den menschlichen Tragödien kam es dort zu einem schrecklichen Zusammenbruch der Werte und Vermögen.

In den 1960er und 1970er Jahren kam es in Europa zum Boom, Teppiche waren extrem gefragt, im Orient konnte gar nicht genug produziert werden. Durch die Industrialisierung im Orient fehlte es auch an Arbeitskräften in der Teppichproduktion. Die Folge war nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage klar: die Preise zogen deutlich an. Teppiche waren in diesen Zeiten der höheren Inflation eine Geldanlage, die täglich Freude bereitete. Dann kam die kalte Dusche. Die Revolution im Iran und die Kriege am Golf warfen das Land ökonomisch um Jahrzehnte zurück. Hinzu kam die rapide Bevölkerungsvermehrung. Wachstumsraten von 4–5 % p.a. waren nichts Ungewöhnliches. Das wiederum hatte zur Folge dass in vielen orientalischen Ländern immer mehr Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt drängten, was preisdämpfend in der Produktion war. Teppiche wurden auf einmal nicht nur billiger, sie wurden auch in immer größeren Auflagen produziert. Dies führte zu einem regelrechten Preisverfall bei neuen Teppichen. Um dem entgegen zu arbeiten, kam es zu vielen Innovationen, die in den 1990er Jahren einsetzten. Dazu gehören nicht nur die modernen und Design-Teppiche, dazu gehört auch die große Erneuerung der alten Knüpfkunst, die in vielen alten Knüpfprovenienzen zwischen Bosporus und Hindukusch einsetzte. Auf einmal wurden wieder Teppiche erzeugt, deren Wolle Hand versponnen und mit Naturfarben gefärbt war.

Welche dieser unterschiedlichen Warengruppen ist nun wertbeständig, welche nicht? Um dies zu beantworten, bedarf es nur einer nüchternen Betrachtung im Sinne von Angebot und Nachfrage. Werte hängen immer von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Warengruppen, die Moden entspringen und diesen folgen, können daher wohl kaum eine Wertanlage sein. Wenn z.B. jetzt Patchwork-Teppiche gefragt sind, die aus alten abgetretenen Teppichen zusammengesetzt werden und dann in modische Pink- oder laute Grüntöne getaucht werden, dann kann man getrost voraussagen: diese Teppiche werden keine Wertanlage sein. Denn so plötzlich, wie sie jetzt gefragt sind, werden sie in wenigen Jahren out und unverkäuflich werden. Solche Moden hat es zwar immer gegeben, aber sie sind erst in den letzten 20 Jahren besonders auffällig geworden.

Eine wichtige Notiz dazu: Auch wenn solche Teppiche a priori einen Spleen darstellen, müssen sie deshalb aber nicht billig sein. Und teure Teppiche müssen nicht notwendigerweise auch eine Wertanlage sein – ein teurer Preis ist kein Kriterium dafür, ob etwas dauerhaft von Wert ist.

Anders wird es sich wohl bei den „beständigen“ Teppicharten verhalten – und zwar insbesondere dann, wenn sie auch aus hochwertigen Materialien bestehen. Die Neuauflagen antiker Knüpfkunst, die aus hervorragender Wolle bestehen, die mit Naturfarben gefärbt worden ist, können nicht in beliebiger Stückzahl produziert werden. Hohe Qualität lässt sich in einem handwerklichen Produktionsumfeld nicht beliebig vermehren. D.h. diese Teppicharten sind von der Angebotsseite her stabil, wenn nicht tendenziell knapp. Ein Wertverfall wird hier nicht zu erwarten sein.

Ganz anders verhält es sich dagegen bei der Massenware, die im allgemeinen Sprachgebrauch das Synonym für „den Perser“ ist. Diese Teppiche, die in Manufakturen in hohen Stückzahlen billig hergestellt werden und auf immer geringere Nachfrage stoßen, können nicht wertbeständig sein. Insbesondere dann nicht, wenn sie Gebrauchsspuren aufweisen. Durch Nachlässe und Erbschaften kommen jährlich Tausende gebrauchter Perser-Teppiche, die einst in den 70er Jahren gekauft wurden, auf den Markt. Viele dieser Stücke sind de facto wertlos, auch wenn sie zum Teil schon alt sind (siehe Alter und Altersklassifizierungen).

Und wie verhält es sich bei antiken und semi-antiken Stücken? Hier sieht die Welt anders aus. Diese Warengruppen lassen sich nicht vermehren. Sie sind auf der Angebotsseite insofern instabil, als dass sie nicht zunehmen, sondern im Gegenteil immer weniger werden. Natürlicher Verschleiß, Motten, Wasserschäden, Unkenntnis und Unverständnis, etc. sorgen dafür, dass die Zahl antiker und semi-antiker Teppiche immer weniger wird –einschränkend und präzisierend muss man hier hinzufügen: die Zahl der schönen und gut erhaltenen Stücke. Damit ein antiker oder semi-antiker Teppich einen Wert hat, muss er nämlich auch schön und gut erhalten sein. Wenn er dann auch noch selten ist, kann es mit den Werten rasant nach oben gehen. Die spektakuläre Wertvermehrung des antiken persischen Teppichs aus dem 17. Jahrhundert, der in Augsburg um wenig Geld versteigert wurde, um bei einer Auktion in London dann um mehrere Millionen Euro verkauft worden ist, ist kein Einzelfall. Wer also einen Teppich unter den Auspizien der Wertanlage kaufen will, der ist gut beraten, sich bei ersten Adressen der nationalen und internationalen Teppichwelt zu informieren.

Auch hier gibt es einen nützlichen Tipp: Wenn Sie eine Wertanlage haben wollen, kaufen Sie nur wirklich hochwertige und schöne, antike Teppiche. Der Preis muss dabei im Hintergrund stehen. Wenn Sie etwas sehr Schönes, Erlesenes und Kostbares kaufen, was auch noch gut erhalten ist, wenn Sie darauf aufpassen und es nicht unvernünftig strapazieren, mit anderen Worten darauf achten, dass es nicht beschädigt wird, dann haben Sie alle Vorkehrungen getroffen, um einen echten Wert für die Zukunft zu schaffen. Im Rückblick gibt es Abertausende Belege dafür, dass dies stimmt. Und wenn Sie noch dazu bedenken, dass es in den Ländern, in denen seit Jahrhunderten Teppiche geknüpft werden, immer mehr wohlhabende und zum Teil auch sehr reiche Menschen gibt, dann können Sie eines schon antizipieren: Die Aufsteiger im Orient, in Indien und China werden über kurz oder lang Interesse an den Kunstwerken ihrer eigenen Ahnen bekommen. Schöne, seltene und gut erhaltene antike Teppiche zu kaufen, kann wohl keine große Fehlentscheidung sein – auch wenn sie teuer sein sollten. Aber wer weiß, vielleicht haben gerade diese Stücke die größte Kursphantasie?

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