Namen und Bezeichnungen

Namen und Bezeichnungen


Bisher sind schon einige Namen, wie Sofreh, Lori, Kum Kapi, etc. gefallen. Wie kommt es zu den vielen Bezeichnungen, die Teppichen anhaften? Schematisch betrachtet sind es folgende Kriterien:

  • Ort, Stamm, Dorf, Stadt, Land, wo ein Teppich entstanden ist

Gewiss haben Sie schon von Namen wie Afghan, Täbriz, Keschan, Kazak, etc. gehört. Sehr viele Teppichnamen beziehen sich auf die Herkunft, d.h. auf die Stadt (z.B. Keschan), die Manufaktur (z.B. Keschan Mohtaschem), auf ein Dorf (z.B.Yahyali), auf einen Stamm (z.B.Kurde). Manchmal wird auch ein Handelsplatz als Name gewählt, die Teppiche selbst stammen aber aus dem unmittelbaren Umfeld desselben, werden quasi ante portas geknüpft (z.B. Gendje, Hamadan).

Siehe: Landkarten der klassischen Ursprungsländer

Noch immer halten sich erwiesenermaßen falsche Namen, wie z.B. „Russen“ oder „Buchara“. Als „Russen“ bezeichnete man früher gerne kaukasische Teppiche. Russland selbst kennt keine Knüpftradition. Da die knüpfenden Landschaften des Kaukasus aber seit dem frühen 19. Jhdt. zu Russland zählten und später Teil der Sowjetunion waren, hat sich diese falsche Bezeichnung eingebürgert. Ähnlich verhält es sich mit dem Namen Buchara. In Buchara selbst wurde nicht geknüpft, dafür wurden dort aber die Teppiche der südlich von Buchara nomadisierenden Tekke gehandelt. Die russischen Obristen und Generale wussten das im 19. Jhdt. nicht, sondern brachten Tekke-Teppiche als Kriegsbeute mit nach St.Petersburg, wo diese als exotische Buchara oder Buchara royal alsbald geschätzt wurden.

  • Teppichart, Verwendungszweck

Ein Name aus dieser Kategorie, der schon Erwähnung fand, ist fast ein Teil unserer Allgemeinbildung: Gebetsteppich. Dieser Name bezieht sich auf den Verwendungszweck. Gebetsteppiche oder -kelims sind leicht zu erkennen: Sie haben eine Gebetsnische, die die Gebetsrichtung (die Qibla) nach Mekka beim Gebet vorgeben soll. Zu dieser Kategorie gehören aber auch Salztaschen (Namakdan), Brottücher (Nandan), Doppeltaschen (heybe oder chordjin), Schwellenteppiche (Germetsch), Zelteingangstüren (Engsi), etc. Bezeichnungen, die den Verwendungszweck meinen, sind oft mit dem Namen der Herkunft verbunden. So heißt es dann z.B. Lori Bachtiar Namakdan (d.h. eine Salztasche vom Stamm der Lori Bachtiar).

  • Benennung nach einer Persönlichkeit, nach einem bestimmten historischen Zusammenhang, Kunstnamen

Bestimmt werden Sie in der Werbung oder in Geschäften schon den Namen „Ziegler-Teppiche“ gesehen haben. Warum der Zusatz „Ziegler“? Darunter versteht man Teppiche mit meist floraler Zeichnung in überwiegend pastellfarbenem Kolorit, die zum Großteil in Pakistan oder Afghanistan geknüpft werden. Der Name rührt von einem englischen Unternehmen her, das Teppiche in dieser Stilistik und mit diesem Farbspiel in großen Mengen in der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. in Westpersien für die Salons der Gründerzeit produzieren ließ. Originale Ziegler-Teppiche haben immer sehr große Formate – im Unterschied zu den heutigen Zieglers, die Nachfragekonform kleinformatig erzeugt werden.

Vielleicht haben Sie aber auch schon von Holbein-, Lotto-, Polen- oder Siebenbürger-Teppichen gehört? Die Maler Hans Holbein und Lorenzo Lotto haben immer wieder Teppiche in Gemälden abgebildet. In so mancher Kirche im Veneto finden Sie herrliche Bilder mit dem Thema der sacra conversazione, wobei zu Füßen der Madonna ein Teppich über den Treppen liegt. Polen-Teppiche stammen nicht aus Polen, sondern aus dem safawidischen Persien, vorab aus der Reichsmetropole Isfahan. Sie sind Musterbeispiele für die höfische Manufakturkunst. Da sie sich aber in polnischen Schlössern befanden, hat sich der Name Polen-Teppiche eingebürgert. Genauso verhält es sich mit den Siebenbürgern, die von Siebenbürger Kaufleuten im Zuge des florierenden Handels im Osmanenreich gekauft und in Siebenbürgens Kirchen als Wärmeisolation und Repräsentationsobjekt dienten. Sie stammen meist aus dem westanatolischen Uschak, keinesfalls aber aus Transsylvanien.

Generell muss festgehalten werden, dass unterschiedliche Transkriptionstraditionen im Englischen und Deutschen, mangelnde Bildung im Teppichhandel, fehlende sprachliche Kompetenz und wechselseitige Ignoranz unter den orientalischen Nationen eine kleine babylonische Sprachverwirrung bei Teppichnamen zur Folge hat. Mangelndes Interesse am Kunstschaffen anderer Knüpfländer ließ vielerorts kein Bemühen um korrekte Aussprache und Transkription aufkommen. So kann es passieren, dass ein und derselbe Teppich Keschan, Keshan, Kashan oder Kaschan geschrieben wird. Bei Ghoum, Kum, Ghom, etc. verhält es sich ähnlich. Und Buchara kann auch Bochara, Bukhara, Buxoro, etc heißen. Mit einigem Goodwill kann man diese minoren Probleme aber leicht überspringen, um in die wirklich interessanten Teppichthemen vorzudringen.

Adil Besim Orientteppiche |
©2014